Eine Geschichte in 1 Kapitel
Lass es Seide sein

Stoffe, Stoffe und noch mehr Stoffe. Dieser Laden war der absolute Traum für jeden, der in irgendeiner Weise Fabrikationen aus Baumwolle, synthetischen Fasern oder sonst irgendwelchen gewebten Materialien verarbeitete. Überall strahlte es nur so vor kunterbunten Farben und noch bunteren Mustern. Glänzende Stoffe reihten sich bis unter die Decke an matte und ein weiteres Regal war gefüllt mit Kunstfellen und Lederwaren. Zwischendrin fand man noch allerhand Kleinigkeiten. Egal ob Reißverschlüsse, Knöpfe, Verschlüsse oder Ösen. Genauso wie kleineres Handwerkszeug, das man für die Verarbeitung der gekauften Stoffe unweigerlich benötigte. Alles in Allem fehlte wohl nur noch eine Auswahl an Nähmaschinen, um jegliche Nöte von Schneidern zu beseitigen. Clarice war zwar nicht unbedingt Schneiderin, liebte diesen Laden jedoch über alles. Einmal im Monat kam sie hier her, um die neuen Stoffe zu bewundern und um ihr Atelier damit zu füllen. Das war dann auch das einzig teure Laster, dem sie regelmäßig frönen konnte. Bei weiteren Ausgaben hatte sie stets den nörgelnden Ton ihres Finanzbeauftragten im Ohr. Der legte ihr ständig nahe, sie solle das eingespielte Geld doch lieber für weitere Arbeitskräfte ausgeben, als für Kleinkram, der dann monatelang nicht genutzt werden konnte, weil einfach zu viele Projekte gleichzeitig anstanden. Bei diesem Gedanken verdrehte Clarice die Augen. Sie hatte sich mittlerweile meterweise Stoff zuschneiden lassen und stand nun vor der freundlichen Kassiererin. Diese wechselte kaum ein Wort mit der Kundin. Sie kannte Clarice und ihre Eigenart, eher mit sich selbst zu sprechen, als mit anderen. Allerdings tippte sie, wie selbstverständlich, den Stammkundenrabatt in die Kasse ein und gab dem Finanzbeauftragten der Selbstständigen damit weniger Grund, sich zu beschweren. Nicht, dass die Kassiererin den Mann gekannt hätte. Oder sonst jemanden oder etwas aus dem Atelier der Modedesignerin. Clarice war sich auch gar nicht sicher, ob ihr Gegenüber überhaupt wusste, dass sie selbstständig war.

"Wahrscheinlich interessiert es sie auch gar nicht", ging es ihr durch den Kopf.

Mit einem kaum merklichen Schulterzucken schnappte sich Clarice ihre insgesamt fünf roten Stofftaschen und machte sich damit auf den Weg zu ihrem Atelier. Der Schneider und seine beiden Kolleginnen würden schon dort sein und an den Kleidern für die nächste Modenschau arbeiten.

Zumindest hoffte Clarice das.

Dieses Kapitel wurde von Aerithx3x3 geschrieben und am Sonntag, 29. April 2018, 22:13 Uhr veröffentlicht. Es enthält 362 Worte.