Eine Geschichte in 17 Kapiteln
Schreiben, Autor*innen und Co-Kreation

Co-Kreationen sind unter Autorinnen eine sehr umstrittene Sache. Während es zunehmend mehr erfolgreiche Bücher gibt, die von mehreren Autorinnen verfasst wurden, möchte die überwiegende Mehrheit der Schreibenden lieber selbst und alleine an einer ausgetüftelten Geschichte schreiben.

Stört eine zweite oder weitere Person den kreativen Schaffensprozess beim Schreiben? Dieser Frage will ich in ein paar Interviews nachgehen...

Dieses Kapitel wurde von Magnus geschrieben und am Freitag, 20. April 2018, 11:31 Uhr veröffentlicht. Es enthält 60 Worte.
Kathrin Passig ist eine deutsche Journalistin und Schriftstellerin, die zahlreiche Artikel, Geschichten und Bücher zusammen mit anderen verfasst hat.

Im Jahr 2006 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Passig bezeichnet sich als „Sachbuchautorin und Sachenausdenkerin“ und arbeitet gelegentlich als Zeitungsjournalistin. Ihre Bücher wurden in elf Sprachen übersetzt.

Dieses Kapitel wurde von Magnus geschrieben und am Sonntag, 22. April 2018, 08:52 Uhr veröffentlicht. Es enthält 45 Worte.
skribi:

Frage: Co-Kreationen scheinen für dich zum Arbeitsalltag zu gehören. Wie entstehen deine Zusammenarbeiten zu Beginn? Wie kann man sich deine Arbeitsweise beim Schreiben vorstellen?

Dieses Kapitel wurde von Magnus geschrieben und am Sonntag, 22. April 2018, 10:07 Uhr veröffentlicht. Es enthält 25 Worte.
Kathrin Passig:

Wie meine Coautorinnen und -autoren schreiben und dass es wahrscheinlich keinen Streit über Stilfragen geben würde, wusste ich, weil wir uns an Orten im Netz kennengelernt hatten, an denen schriftlich kommuniziert wurde. An der Arbeitsweise beim Schreiben hat sich seit 2005 nicht viel geändert: Wir schreiben gemeinsam in einem Google Doc. Manchmal folgt die Arbeitsaufteilung den Kapiteln und die jeweils andere Person macht dann nur Kleinigkeiten: Verständnisfragen, Änderungsvorschläge, Überarbeitung. Manchmal schreiben wir aber auch gemeinsam an denselben Kapiteln, Absätzen, Sätzen. In beiden Fällen wissen wir schon kurze Zeit später nicht mehr, was ursprünglich von wem stammte.

Dieses Kapitel wurde von Kathrin Passig geschrieben und am Donnerstag, 26. April 2018, 14:20 Uhr veröffentlicht. Es enthält 98 Worte.
skribi:

Frage: Google Doc ist ein gutes Stichwort. Darf ich den zweiten Fall so verstehen, dass ihr direkt im Text gemeinsam arbeitet und statt Änderungsvorschläge zu machen, direkt den Text der Co-Autor*innen knetet und formt? Das habe ich bisher noch nie in freier Wildbahn erleben dürfen. Mich würde brennend interessieren, wie das funktioniert. Läuft das auch zeitgleich?

Dieses Kapitel wurde von Magnus geschrieben und am Donnerstag, 26. April 2018, 14:28 Uhr veröffentlicht. Es enthält 57 Worte.
Kathrin:

Das ist ja der große Vorteil von Google Docs, dass man damit zeitgleich am selben Text arbeiten kann, anders als in einigen anderen Gemeinsam-Schreib-Tools. Kleinigkeiten ändere ich direkt, größere Änderungen schlage ich manchmal als Kommentar vor, manchmal baue ich aber auch gleich selbst um. Kommt ein bisschen auf die andere Person und den Umfang der Änderung an. Wenn ich bei meinen Buch-Coautorinnen und -autoren nicht davon ausgehen würde, dass ihre Beiträge meine Texte besser machen, würde ich ja nicht mit ihnen zusammenarbeiten. (Bei Verlagslektoren und Artikel-Redakteuren, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe, ist das anders: Da will ich alle Änderungsvorschläge sehen und bei Bedarf dagegen protestieren können.)

Dieses Kapitel wurde von Kathrin Passig geschrieben und am Donnerstag, 26. April 2018, 17:36 Uhr veröffentlicht. Es enthält 109 Worte.
skribi: Verlust des Schreibstils

Frage: Ich lese aus deinen Texten einen ausgeprägt eigenen Stil heraus. Trocken, versteckt humorvoll, sarkastisch mit einem Augenzwinkern und mit einer Prise ungläubiger Distanz.

Geht der Stil nicht verloren, wenn andere Autorinnen mit in den selben Sätzen arbeiten?

Dieses Kapitel wurde von Magnus geschrieben und am Donnerstag, 26. April 2018, 18:34 Uhr veröffentlicht. Es enthält 42 Worte.
Kathrin:

Ich glaube nicht, dass es so viele unverkennbare eigene Stile wie schreibende Menschen gibt. Selbst wenn es sie gäbe: Man überschätzt die Fähigkeit der Leserinnen, Stil und Person zuzuordnen. Ich habe zu meinen Büchern schon oft den Satz gehört "Ich wusste gleich, was von wem ist". Aber wenn man dann nachfragt, ist die Trefferquote nicht besser als reiner Zufall. Ich finde es ja selbst meistens unmöglich, im Nachhinein noch festzustellen, wer welche Stelle geschrieben hat. Und wenn eine Person einen eigenen Stil haben kann, warum sollen dann nicht auch zwei Personen einen eigenen, gemeinsamen Stil haben können?

Dieses Kapitel wurde von Kathrin Passig geschrieben und am Donnerstag, 26. April 2018, 19:55 Uhr veröffentlicht. Es enthält 98 Worte.
skribi: Co-Schreibstil

Lustig. Dann ist dein Stil gar nicht deiner, sondern ein Co-Produkt.
So habe ich es noch nie betrachtet... Ich glaube, das ist dein Understatement. :-)

Frage: Gibt es denn auch spezielle Formen des Schreibens, bei denen du lieber alleine arbeitest oder sogar auf keinen Fall jemanden hineinlassen würdest?

Dieses Kapitel wurde von Magnus geschrieben und am Donnerstag, 26. April 2018, 20:04 Uhr veröffentlicht. Es enthält 50 Worte.
Kathrin:

Ich glaube nicht. Es gibt nur gelegentlich Texte, bei denen ich keine Leute kenne, die sich auch für das Thema interessieren. Und in den letzten Jahren habe ich überwiegend von Vorträgen gelebt – die Vortragsvorbereitung muss ich auch alleine machen, denn auf der Bühne steht man fast immer allein. Vortragseinladungen sind noch viel stärker an eine einzige Person gebunden als die traditionelle Vorstellung von Autorschaft. Reden kann halt immer nur einer.

Dieses Kapitel wurde von Kathrin Passig geschrieben und am Montag, 30. April 2018, 08:33 Uhr veröffentlicht. Es enthält 72 Worte.
skribi: Autorenschaft bei Reden

Auch wenn das jetzt vom Thema ein wenig abschweift... du hast Recht, die Mehrfach-Rede gibt es äusserst selten. Aber...

Frage: Wenn du über Vorträge mit mehreren Rednern nachdenken würdest, wo könnte am ehesten ein Vorteil einer Co-Kreation bei einem Vortrag zu finden sein? Könntest du dir so ein Experiment vorstellen?

Dieses Kapitel wurde von Magnus geschrieben und am Montag, 30. April 2018, 11:38 Uhr veröffentlicht. Es enthält 54 Worte.
Kathrin:

Ich glaube, inhaltlich werden Texte grundsätzlich besser durch Coautoren, weil die Coautoren eine Art Vorschau aufs Publikum darstellen. Dadurch kann man Probleme vermeiden, die dadurch entstehen, dass man sich zu wenig in fremde Köpfe hineinversetzt. Wenn schon die Coautorin – die das Thema ja immerhin gut kennt – nicht versteht, was man sagen wollte, wird das Publikum es erst recht nicht verstehen.

Ich habe einmal einen Vortrag zusammen mit Holger Schulze (@mediumflow bei Twitter) gehalten. Die Vorbereitung hat Spaß gemacht. Auf der Bühne, naja, man redet dann eben abwechselnd, das fand ich nicht besser oder schlechter als sonst. Was ich gerne mal ausprobiert hätte, wäre eine Art geskriptetes Streitgespräch, quasi zwei ineinander verschränkte Vorträge, so dass einer immer auf den anderen reagiert. Aber das wollte bisher noch niemand haben.

Dieses Kapitel wurde von Kathrin Passig geschrieben und am Montag, 30. April 2018, 12:05 Uhr veröffentlicht. Es enthält 130 Worte.
skribi: Formen der gemeinsamen Autorschaft

Eine interessante Idee. Zwei oder mehrere Personen stellen zu einem Thema mehrere Perspektiven als Redner dar. Sollte man dringend mal versuchen...

Wir hatten jetzt die komplette gemeinsame Autorschaft zeitsynchron zusammen im Google Doc, die gemeinsame Autorschaft in Satz oder Kapitel-Beiträgen nacheinander, die Kontrolle und Befruchtung durch eine Co-Autorin, wir praktizieren hier im Interview eine Art Ping-Pong Co-Autorschaft.

Frage: Gibt es weitere gemeinsame Schaffensarten, die du schon praktiziert hast oder die du gerne noch ausprobieren würdest?

Dieses Kapitel wurde von Magnus geschrieben und am Montag, 30. April 2018, 13:32 Uhr veröffentlicht. Es enthält 80 Worte.
Kathrin:

Ich habe bisher nur Sachtexte zusammen mit anderen geschrieben, bin aber überzeugt, dass das mit Literatur auch geht – analog zu den im Filmgeschäft üblichen Writers' Rooms. Da hinken wir noch hinterher, aber das hat sicher auch damit zu tun, dass es seit gerade mal 12 Jahren Werkzeuge für das gleichzeitige Arbeiten am Text gibt.

Ich glaube außerdem, dass viele bisherige Experimente falsch ansetzen, nämlich bei der Vorstellung, dass die Beteiligten hintereinander am Text arbeiten sollen. Bei allen Formen der Zusammenarbeit, also auch z.B. bei Software oder Citizen-Science-Projekten, muss sich die Aufgabe in sinnvoll von Einzelnen bearbeitbare Teile zerlegen lassen. Ich vermute die Trennlinien da nicht bei den Absätzen oder Kapiteln wie bei einem Knickzettelspiel, sondern eher in Aufgabenbereichen (Idee, Plot, Figurenentwicklung Dialog, Landschaftsbeschreibung, Überarbeitung, stilistische Feinheiten etc.) Und mir kommt der Versuch, gemeinsam mit ganz Fremden zu schreiben, wenig aussichtsreich vor, weil man dann zu oft über Grundlagen streiten und zu viele Kompromisse schließen muss. Am Ende finden alle Beteiligten das Ergebnis nur mittelmäßig. Wenn Open-Source-Software auf diese Art geschrieben werden müsste, gäbe es sie nicht.

Aber um die Frage zu beantworten: Literatur jedenfalls. Sehr wahrscheinlich ist das nicht, weil ich viele Leute kenne, deren Sachtexte ich mag und mit denen ich jederzeit zusammen schreiben würde. Bei erzählenden Texten müsste ich da zumindest lange nachdenken, auf Anhieb fällt mir praktisch niemand ein. Wenn man sich schreibenderweise im Netz kennenlernt, sind es eben meistens Sachtexte ... oder nein, das stimmt nicht: Ich halte mich einfach nicht genug an Orten im Netz auf, an denen etwas erzählt wird. Das müsste ich also zuerst ändern, bevor es weitergehen kann.

Dieses Kapitel wurde von Kathrin Passig geschrieben und am Montag, 30. April 2018, 14:40 Uhr veröffentlicht. Es enthält 268 Worte.
skribi: Schmerzfreiheit von Autor*innen

Die Überzeugung, dass es ein sehr zusammenhaltendes Grundverständnis geben muss, hat auch schon DONE E. LOW in seiner Antwort bekundet. Du bringst jetzt noch die strukturierenden Aufgabenbereiche mit ins Spiel und vergleichst die Schaffensweise mit OpenSource Software. Das kann ich bei Sachtexten nachvollziehen, wo es wohl einfach um den "richtigen", weil einen Sachverhalt beschreibenden Satz geht.

Wie ist das aber bei Literatur, die ja immer auch Stilistik und Stimmung mit in die Erzählung einbringt. Gibt es da einen "richtigen" oder "falschen" Satz? Kann da eine Person die Figur entwickeln, eine weitere Person für die Umgebungsbeschreibung formulieren und noch eine weitere Person die Handlungspunkte definieren, so dass am Schluss dann ein "gemeinsames" Kapitel herauskommt? Wer schreibt den Satz am Schluss? Du sagst ja selbst, dass du in dem Feld nicht wirklich viel Erfahrung hast.

Frage: Schwierig, da eine Frage anzuschliessen. Vielleicht fasst folgende Frage ein bisschen davon zusammen: wie schmerzfrei muss man als Autorin sein, um mit anderen etwas zu formulieren, dass nicht mit objektiven Massstäben "richtig/falsch" gemessen werden kann?

Dieses Kapitel wurde von Magnus geschrieben und am Montag, 30. April 2018, 15:06 Uhr veröffentlicht. Es enthält 173 Worte.
Kathrin:

Ich hoffe, gar nicht. Ich bin sehr empfindlich bei falschen Wörtern im Text und überhaupt nicht schmerzfrei, ich habe mir nur eben meine Coautorinnen und Coautoren so ausgesucht, dass ich vorher wusste, dass das wahrscheinlich kein Problem sein würde. Bisher hat es auch immer geklappt.

Dieses Kapitel wurde von Kathrin Passig geschrieben und am Montag, 30. April 2018, 15:23 Uhr veröffentlicht. Es enthält 46 Worte.
skribi: Kompromisse zwischen Co-Author*innen

Frage: Weisst du, ob deine Co-Autorinnen schmerzfrei sind oder sein müssen? Oder ist das keine Kategorie in der ihr euch verständigen müsst? ;-)

Dieses Kapitel wurde von Magnus geschrieben und am Montag, 30. April 2018, 15:32 Uhr veröffentlicht. Es enthält 27 Worte.